Zweckentfremdung


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Beitrag Fr Mai 08 2009 21:32

Maewen hat geschrieben:Niemand zwingt die Sprache natürlich, sich zu wandeln (ganz im Gegenteil ;-) ). Fakt ist aber, dass sie es einfach tut, egal, ob wir das gut finden oder nicht - man kann einfach nichts dagegen unternehmen.

Beim sprechen über Sprachwandel besteht die grosse Sackgassengefahr, dass einfach von der Sprache gesprochen wird wie von einem Ding. Das verleitet zu Aussagen wie der, dass dieses Ding etwas tue, oder dass dieses Ding sich verändere, oder dass wir dieses Ding wie einen Gegenstand untersuchen. Ein solches Ding existiert aber überhaupt nicht. Es gibt keine "die Sprache", sondern nur eine unüberblickbare Vielfalt von Einzeläusserungen, die wir ständig von uns geben, ein uferloses Dauergerede vom beiläufigstem Hm bis zum ausgefeiltesten Roman. Wir alle tragen munter unseren Teil dazu bei.

In dieser tatsächlich existierenden Form übersteigt Sprache natürlich jedes menschliche Fassungsvermögen. Was wir tun, wenn wir Sprache beschreiben, ist ein geradezu tollkühner Abstraktionssprung. Wir tun so, als wäre die Sprache ein Ding ausserhalb von uns – oder als wären wir ausserhalb der Sprache, was aufs Gleiche hinaus kommt. Wir betrachten die Sprache wie irgendeinen Gegenstand, den wir drehen und wenden können, wägen und sezieren. (Dabei ignorieren wir getrost, dass der untersuchte Gegenstand zugleich als Untersuchungsinstrument herhalten muss.) Bei der Untersuchung der Sprache als Ding tun wir beispielsweise so, als liessen sich einzelne Wörter aus diesem Ding herauslösen und für sich betrachten, obwohl in der unüberblickbaren Vielfalt der existierenden Sprache Wörter immer nur im Zusammenhang mit anderen Wörtern bestehen. Oder wir tun beispielsweise so, als gäbe es die Regeln.

Es gibt zwei völlig verschiedene Arten, wie Sprachregeln verstanden werden können. Sie können entweder als Untersuchungsresultate am Gegenstand "die Sprache" verstanden werden – etwa in Form eines Grammatikbuches –, oder aber als dasjenige im Kopf eines Menschen, das ihn befähigt, Sprache zu produzieren. Wie kommen die Regeln in den Kopf? Wie kommt es dazu, dass wir alle sehr ähnliche Regeln im Kopf haben? Ich denke, es liegt daran, dass wir einen Drang haben, uns gegenseitig mitzuteilen. Ein neugeborener Mensch hat noch keine Sprache. In einem jahrelangen Prozess lernt er, sich immer erfolgreicher mitzuteilen. Nun ist aber eine gute Anpassung an die Sprache der anderen nicht das einzige, was den Erfolg des Sprechens ausmacht. Wichtig ist auch eine individuelle Note, wodurch die eigene Mitteilung für die anderen überhaupt erst interessant wird. Es ist ähnlich wie bei der Bekleidung, wo es eben auch nicht um das exakte Nachahmen eines Modevorbilds geht, sondern darum, dass ich selber mich möglichst attraktiv darstelle (wenn das für Aussenstehende auch wie ein exaktes Nachahmen wirken mag). Und genauso, wie auf diese Weise bei der Bekleidung eine Mode entstehen kann, kann auch bei der Sprache eine Mode entstehen. Das ist die einleuchtendste Erklärung für Sprachwandel, die ich gehört habe.
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Beitrag Sa Mai 09 2009 8:32

Das mit der Mode ist ein schöner Vergleich, den ich im Zusammenhang mit Sprache (wenn auch nicht direkt mit Sprachwandel) auch schon gehört habe. Es ging da um die Frage, wie Sprache sich überhaupt entwickelt hat und was die Voraussetzungen für Sprache waren (und immer noch sind). Neben der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und anderem wurde da eben auch die Fähigkeit des exakten Nachahmens genannt, welches überhaupt erst dazu führen kann, dass sich z.B. Rituale entwickeln, also immer wieder replizierte Handlungen über Generationen hinweg (die sich langfristig natürlich auch wandeln können). Wenn so etwas vorliegt, sprechen wir eben auch von "Kultur" (wobei ich jetzt nicht anfangen will, diesen Begriff zu definieren) und dazu gehört auch sowas wie Mode, was ja letztlich auch eine Nachahmung ist. Aber wie du bereits sagtest wird dabei ja nie 100%ig kopiert, dennoch würde man ja nicht von "Mode" sprechen, wenn sich nicht genügend Menschen ihr anpassen würden. Aber auch die Mode wandelt sich ja beständig, was sicher damit zu tun hat, dass wir eben nicht kopieren, sondern nachahmen und dabei auch individuelles eine Rolle spielt. Die Tatsache, dass es verschiedene Moden gibt spiegelt auch die Tatsache wieder, dass es eben verschiedene Sprachen gibt, von verschiedenen Sprachfamilien bis hin zu Varietäten einer Einzelsprache (wenn ich das hier mal so nennen darf).


EDIT: Ich glaube, wir haben dem Threadnamen bereits alle Ehre gemacht und das Thema erfolgreich zweckentfremdet :biggrin:
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Beitrag Mo Mai 11 2009 6:36

Maewen hat geschrieben:EDIT: Ich glaube, wir haben dem Threadnamen bereits alle Ehre gemacht und das Thema erfolgreich zweckentfremdet :biggrin:

Nein, ich glaube nicht. Solange hier nicht über Waschmittel diskutiert wird... :biggrin:
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