Bewusster Sprachwandel


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Beitrag Fr Mai 01 2009 8:22

Bewusster Sprachwandel

Vor einer Weile habe ich von einer interessanten Vermutung darüber gehört, wie die Sprachenvielfalt Neuguineas entstanden sei. Der Linguist Stephen Wurm habe vermutet, dass dort Gruppen bewusst ihre Sprache veränderten – also ganz so, wie es die Elben taten. Der Hauptgrund dafür sei die Abgrenzung gegen andere Gruppen – also nicht wie bei den Elben das Schönheitsempfinden, wenn wohl auch in beiden Fällen die umgekehrten Gründe ebenfalls eine Rolle spielen dürften. Eine Abgrenzung gegen andere Gruppen sei in Neuguinea notwendig, um etwa geregelte Tauschgeschäfte aufzunehmen oder Heiraten abzuschliessen. Gemäss Wurms Vermutung könne so in kürzester Zeit eine neue Sprache sich abspalten – also anders als bei den Elben, wo solche Abspaltungen sich über sehr lange Zeiträume entwickelten.

Davon gehört habe ich in der Sendung Atlas von DRS2 vom 22. Februar 2009: Reise nach West Papua (auch als MP3: Reise nach West Papua – MP3). Der betreffende Teil der Sendung ist nur relativ kurz und beginnt bei 00:45:00 (die Dreiviertelstunde davor ist aber auch interessant). Ich habe nichts genaueres zu Wurms Vermutung recherchiert.
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Beitrag Mo Mai 04 2009 7:39

Danke fuer's Posten - das ist echt interessant.

Der Hauptgrund dafür sei die Abgrenzung gegen andere Gruppen – also nicht wie bei den Elben das Schönheitsempfinden, wenn wohl auch in beiden Fällen die umgekehrten Gründe ebenfalls eine Rolle spielen dürften.


Sprachveraenderung als Markierung der Gruppe und Abgrenzung gegen die anderen - das erinnert mich jetzt an Mechanismen in einem weniger schoenen Abschnitt der deutschen Geschichte, als in der Nazizeit etwa englische Fremdwoerter wie 'Baby' gegen was deutsches wie 'Kindlein' ausgetauscht werden sollten (da gab's einige offizielle Bestrebungen).

Jetzt waer's interessant zu wissen ob das in Neuguinea auch 'von oben' in der Gruppe kommt, oder was ganz anderes ist und sich eben so aus der Gruppendynamik ergibt.

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Beitrag Mo Mai 04 2009 20:37

Sprachveraenderung als Markierung der Gruppe und Abgrenzung gegen die anderen - das erinnert mich jetzt an Mechanismen in einem weniger schoenen Abschnitt der deutschen Geschichte,


Da gibt es noch ein weiteres Beispiel aus dem deutschen Sprachraum - das Rotwelsch.
Die künstliche Geheimsprache diente wahrscheinlich nicht nur dem Schutz von unregulärem Gewerbe, sondern auch der Integration in eine Schicksals-/Solidaritätsgemeinschaft.

Salcia Landmann schreibt über diese "erste Conlang": Sie schufen sogar - man darf den Ausdruck wagen - die ersten 'Sprachakademien' Mitteleuropas; von Zeit zu Zeit kamen nämlich Abgeordnete der einzelnen Räuberbanden zu einem Kongress zusammen, bei welchem unter anderem der Wortschatz der Geheimsprache verglichen, revidiert und erweitert wurde. Die Abgesandten brachten die letzten sprachlichen Neuigkeiten zu ihren Gruppen mit nach Hause.

Viele aus anderen Sprachen entlehnte, abgewandelte, neu interpretierte Wörter sind heute Bestandteil der deutschen Sprache und die wenigsten Leute wissen wahrscheinlich woher diese Ausdrücke kommen : dufte, blau machen, usw.
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Beitrag Mo Mai 04 2009 21:18

Nunja, was in dem genannten Beitrag beschrieben wird, scheint mir doch etwas sehr anderes zu sein, denn dort ist die Rede von regelrechten lautgesetzlichen Veränderungen, nicht nur von blossen Geheimwörtern. Gewiss hat jede Gruppensprache immer auch eine die Gruppenidentität fördernde, abgrenzende Funktion. Hierzulande kommen dabei aber Lautveränderungen höchstens mal als Nebeneffekt am Rande vor, vielleicht etwa wenn Jugendliche in Anlehnung an südosteuropäische Sprachen stimmhafte Obstruenten verwendet haben.

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Beitrag Mo Mai 04 2009 22:47

mach hat geschrieben:Nunja, was in dem genannten Beitrag beschrieben wird, scheint mir doch etwas sehr anderes zu sein, denn dort ist die Rede von regelrechten lautgesetzlichen Veränderungen, nicht nur von blossen Geheimwörtern. Gewiss hat jede Gruppensprache immer auch eine die Gruppenidentität fördernde, abgrenzende Funktion.


Um "lautgesetzliche" Veränderungen scheint es ja auch in diesen neuen Sprachen Deines Beitrages nicht zu gehen. Es wird von "Auswechseln von Konsonanten, etwa wie Kinder es im Spiele tun" (ich zitiere aus dem Gedächtnis). Solche Veränderungen gibt es eben im Rotwelschen auch, denn die Lehnworte wurden ja angedeutscht. Wobei dann allerdings noch ein weiteres Element dazu kommt: der Sinn wurde mit viel Witz oder je nach dem, mit einer guten Portion Bösartigkeit neu interpretiert.

Hierzulande kommen dabei aber Lautveränderungen höchstens mal als Nebeneffekt am Rande vor, vielleicht etwa wenn Jugendliche in Anlehnung an südosteuropäische Sprachen stimmhafte Obstruenten verwendet haben


Es geht hier nicht um zufällige Nebeneffekte. Die Änderungen sind auf den Willen einer Gruppe zurück zu führen, für die die neue Sprache mehrere Zwecke zu erfüllen hatte. Der Unterschied ist, dass die neuen Sprachgebilde Neuguineas als vollwertige Sprachen weiterbestehen, während das Rotwelsche mit der Veränderung des gesellschaftlichen Umfeldes irgendwann mal ausgedient hatte, da es ohnehin nie eine vollkommene Sprache wurde (ein bischen wie die Elbensprachen - eine Menge Vokabular künstlich zusammengestellt und nicht natürlich gewachsen).


Wie dem auch sei, mein Beitrag war eine Ergänzung zu Thorsten's in Bezug auf Geschichte, Abgrenzung, Gruppendynamik usw.
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Beitrag Di Mai 05 2009 10:02

Órerámar hat geschrieben:Um "lautgesetzliche" Veränderungen scheint es ja auch in diesen neuen Sprachen Deines Beitrages nicht zu gehen. Es wird von "Auswechseln von Konsonanten, etwa wie Kinder es im Spiele tun" (ich zitiere aus dem Gedächtnis).

Das scheinen wir anders wahrzunehmen. Derartiges regelrechtes Lautauswechseln dünkt mich geradezu der Inbegriff des Lautgesetzlichen, ganz im Gegensatz etwa zu blossen Ausspracheandeutschungen von Fremdwörtern. Ob ich Wurms Hypothese nun richtig verstanden habe oder nicht, auf alle Fälle war es genau der lautgesetzliche Charakter des Sprachwandels, was mich so interessant dünkte und an die Elbensprachen erinnerte.
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Beitrag Di Mai 05 2009 15:53

Dass einzelne Wörter in einer Sprache verändert oder ersetzt werden, um sich von anderen Gruppen abzutrennen, ist ja gut bekannt - das sind Slangs. In Papua scheint das schon mal sehr viel höhere Ausmaße anzunehmen, aber mich würde doch mal interessieren, inwieweit da auch die Grammatik mitverändert wird.

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