Meinunger, A. (2008): Sick of Sick?


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Beitrag Fr Dez 05 2008 13:59

Meinunger, A. (2008): Sick of Sick?

Da unsere Uni-Bibliothek das Buch leider (noch?) nicht hat, habe ich es mir gestern einfach mal gekauft...

André Meinunger hat dieses Jahr ein Buch mit dem Titel Sick of Sick? und dem Zusatz Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den "Zwiebelfisch" veröffentlicht.

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Herr Meinunger ist Sprachwissenschaftler und forscht am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaften in Berlin. Außerdem lehrt er an der HU und der Medizinischen Akademie Berlin, sowie an der Uni Leipzig (hier dieses Semester ein Seminar zum Sprachwandel).

Ich denke der Titel spricht für sich... dennoch: Seit einiger Zeit spielt sich im deutschsprachigen Raum ja ein selbsternannter Sprach-Guru namens Bastian Sick auf. Das ganze war (zumindest nach meinem Empfinden) anfangs ja noch ganz lustig: ich selbst habe bei Sick vieles wiedergefunden, was mir selbst im alltäglichen Gebrauch von Sprache schon aufgefallen und zum Teil schon sauer aufgestoßen war. Sicks Kolumnen haben einige sprachliche Erscheinungen auf amüsante Weise auf die Schippe genommen und somit nach und nach eine immer größer werdene Leserschaft für ihre Muttersprache sensibilisiert, was ja eigentlich ein positiver Effekt ist und von Sprachwissenschaftlern (wie Herr Meinunger auch selbst sagt) gerne gesehen wird.

Doch irgendwo muss auch Schluss sein. Spätestens in dem Moment, wo es nicht bei einem oder vielleicht zwei Büchern (die im Prinzip das gleiche enthalten wie die Kolumnen im Internet) bleibt, sondern wo noch Band 3, dazu das Spiel zum Buch und gar eine Tournee des Priesters mit seiner Bibel "Duden" unterm Arm hinzukommt (und was weiß ich noch alles, ich habe das nicht alles verfolgt), da sollte es auch dem letzten auffallen, dass es hierbei eigentlich nur noch um Geldmacherei geht, mal ganz abgesehen davon, dass das ganze irgendwann einfach nur noch nervt.

Aber damit nicht genug. Was viele Sprachwissenschaftler (und nicht nur diese! siehe z.B. Eiriens Beiträge hier) schon lange bemerkt haben - Sick liegt selbst oftmals (zum Teil fatal) daneben. Genau das wird von Meinunger im vorliegenden Buch behandelt.

Zentrale Punkte sind dabei folgende:

Dudengläubigkeit
Meinunger kritisiert die Art und Weise, wie der Duden als das Referenzwerk schlechthin dargestellt wird (übrigens jedoch das nicht mal konsequent, da Sick selbst an mindestens einer Stelle sogar zugeben muss, dass nicht alles im Duden steht). Er geht dabei darauf ein, dass der Duden sich darauf beschränken sollte, ein deskriptives Werk zu sein, also eines, das beschreibt, wie Sprache ist und nicht wie sie sein sollte (normativ). Als solcher versteht sich der Duden auch selbst, auch wenn es für ihn nicht immer einfach ist, die Balance zu halten (einerseits möchte man die Sprachrealität abbilden, andererseits aber auch Regeln aufstellen können) - nur scheint es z.B. bei Bastian Sick noch nicht angekommen zu sein, dass ein normatives Verständnis von Sprache schon lange überholt ist.

angeblicher Sprachverfall
Was Sick häufig stark kritisiert ist die Unterwanderung der deutschen Sprache durch das Englische. Auf der anderen Seite jedoch stellt er z.T. Regeln auf, welche - würde man sie tatsächlich strikt im Sick'schen Sinne befolgen - laut Meinunger tatsächlich zu einem viel massiveren Verfall der deutschen Sprache führen würden als ein paar englische Strukturen (die übrigens zumeist ohnehin im Deutschen angelegt sind) das je könnten. Meinunger zeigt hierbei viele Beispiele auf, wo das Deutsche konsequent gerade gegen das Englische arbeitet - dies sind zum Teil sogar Strukturen, welche von Sick abgeleht werden! Außerdem erörtert Meinunger, warum auch Anglizismen eine Existenzberechtigung im Deutschen haben. Darüber hinaus wird auch gezeigt, wie neue (und von Sick verpönte) Strukturen, ganz neue Möglichkeiten zur Verwendung der Sprache eröffnen und somit vielleicht sogar eher als Bereicherung der deutschen Sprache gesehen werden sollten.

Besserwisserei
Es ist eine Sache, jemanden auf seine Fehler aufmerksam zu machen, eine andere ist es allerdings, sich aufgrund der Fehler die jemand macht, über diese Person stellen zu wollen. Zwar sind es oftmals auch tatsächlich Fehler, welche Sick in seinen Büchern anspricht, doch nicht selten sind es auch Fälle, in denen es vermutlich Herrn Sick ganz eigenes Sprachgefühl ist, welches ihn dazu veranlasst, Fehler zu wittern, wo womöglich gar keine sind (und nähere Betrachtungen zeigen eben, dass er sich oft auch irrt) - vielleicht hört sich nicht alles stilistisch hochwertig an, dennoch ist dies kein Grund, es als schlecht oder gar falsch abzustempeln. Alles, was man damit erreicht ist Unsicherheit auf Seiten derjenigen, die auch so sprechen. Warum aber sollte das Sprachgefühl eines einzelnen (nämlich Sicks) zur Norm erhoben werden? Zumal, wenn ein Großteil der Deutschsprecher es doch anders machen würde, wie z.B. im Fall von gewinkt vs. gewunken (Meinunger zeigt übrigens sehr schön, warum Sicks sinken-Analogie auf extrem wackeligen Füßen steht).

Das Fazit des Buches ist, dass sich doch jeder weiterhin auf sein Sprachgefühl verlassen sollte, und sich nicht von irgendeinem selbsternannten Propheten, der meint, er müsse die deutsche Sprache retten und habe somit das Recht, über sämtliche Sprecher urteilen zu können, verunsichern zu lassen. Sprache ist nicht statisch, sondern ein Prozess, der dich selbst reguliert und keines Wächters bedarf. Dies ist jedoch nicht als Aufruf für absolute Sprachanarchie zu verstehen bzw. eine solche ist auch gar nicht zu befürchten - der Muttersprachler wird immer grammatische von nicht grammatischen Äußerungen unterscheiden können.

Zum Stil des Buches:

Herr Meinunger ist nicht unbedingt ein begnadeter Stilist (wie das auch jemand in einer Rezension bei amazon.de formuleirt hat). Das Buch ist durchaus amüsant geschrieben, aber nicht alles, was vielleicht witzig gedacht ist, hat den Effekt, den Meinunger vielleicht beabsichtigt hat. Das tut dem ganzen aber meines Erachtens keinen Abbruch. Meinunger geht es hauptsächlich darum, 1. Sick zu widerlegen bzw. zu relativieren, 2. zu zeigen, wie viel komplizierter (bzw. einfacher) Sprache doch ist und 3. dem Leser einen kleinen Einblick in die tatsächliche Arbeit der Sprachwissenschaft zu geben. Gerade letzteres wirkt an manchen Stellen fast etwas gezwungen eingestreut, weil sich nicht immer ein direkter Anknüpfungspunkt bietet. Dennoch gelingt es ihm ganz gut, auch dem nicht linguistisch vorgebildeten Leser einige grundlegende Dinge zu erklären - finde ich zumindest, aber als Linguistik-Student kann ich das schlecht beurteilen, weil mir natürlich klar ist, wovon er spricht. Ich denke jedoch, es ist allgemein verständlich und die wichtigsten Punkte (nämlich das, was sich direkt auf Sick oder die von ihm angesprochenen sprachlichen Phänomene bezieht), sind auf jeden Fall gut dargestellt und mit (zum Teil auch recht witzigen) Beispielen illustriert. An manchen Stellen fühlt man sich vielleicht etwas alleingelassen, wenn man Sicks Buch gerade nicht zur Hand hat, aber auf irgendetwas darin Bezug genommen, dann aber nicht weiter ausgeführt wird. Auch sonst ist mir die eine oder andere Erklärung ein bisschen zu kurz geraten bzw. scheint irgendwo abgebrochen zu werden, aber vielleicht reichen sie für den Nicht-Linguisten ja aus (und ausführlichere Erklärungen hätten womöglich auch den Rahmen des Buches gesprengt)?!

Auf jeden Fall ist das Buch aber dennoch jedem zu empfehlen, der an Sprache interessiert ist, besonders wenn er/sie mal eine Gegendarstellung zu Herrn Sick hören möchte. Meinunger überzeugt einfach mit Evidenz aus der Sprachwissenschaft, der Literatur usw. Dabei stellt er jedoch auch nicht etwa etwas anderes als Herr Sick als richtig dar und stempelt Sicks Aussagen als falsch ab, sondern erklärt viel mehr, warum viele Dinge nicht ganz so einfach zu handhaben sind wie Herr Sick das vielleicht gern hätte. Die Vielseitigkeit der Sprache steht also im Vordergrund, und nicht, ob irgendetwas als richtig oder falsch anzusehen ist.

Das kleine, handlich Buch umfasst 176 Seiten, lässt sich also problemlos an einem Tag lesen, da es auch recht unterhaltsam und nachvollziehbar daherkommt, und kostet (bei amazon.de) 12,80 Euro.
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Beitrag Di Dez 30 2008 9:23

Ein paar rebelische Gedanken in aehnlicher Thematik...

Zu Weihnachten habe ich das Buch 'Deutsch fuer Profis' von Wolf Schneider geschenkt bekommen. Das ist schon ein bisschen aelter (1984) und ist auch mehr ueber Stil als ueber Grammatik. Jedenfalls zieht Herr Schneider unter anderem da recht ueber die Phrase 'in keinster Weise' her und meint 'das schreiben nur die Duemmsten' weil man 'kein' nicht in den Superlativ setzen kann.

Hm. Das Argument ist also dass der logische Gehalt von 'in keiner Weise' mit dem von 'in keinster Weise' identisch ist. Mit dem gleichen Argument muss ich dann 'verstehe ich absolut nicht' gegenueber 'verstehe ich nicht' verwerfen, oder 'sehe ich ueberhaupt nicht so' gegenueber 'sehe ich nicht so' - in keinem dieser Beispiele aendert 'absolut' oder 'ueberhaupt' logisch etwas am Satz.

Aber wie sinnvoll ist es, eine Sprache mit Logik zu analysieren? Wenn ich in Lebensgefahr schwebe, dann muss ich Angst um mein Leben haben. Logisch folgt daraus dass wenn ich in Todesgefahr schwebe, ich Angst haben muss dass man mich nicht sterben laesst... Eine Zahn-buerste putzt sicher mehr als einen Zahn, eine Blumenzwiebel bringt aber in aller Regel eine Blume hervor. Weitere Beispiele lassen sich beliebig finden.

Statt dessen ist 'absolut nicht verstanden' eben als eine Verstaerkung gegenueber 'nicht verstanden' gemeint - wenn ich sage ich habe etwas 'nicht verstanden', dann meine ich damit dass ich die entscheidende Idee in der Argumentation verpasst habe, aber die Grundlagen schon irgendwie angekommen sind. Wenn ich aber sage ich habe es 'absolut nicht verstanden' dann sind schon die Grundlagen nicht ruebergekommen.

Und genauso ist es mit 'in keinster Weise'. Wenn ich sage 'ich fuehle mich in keiner Weise verantwortlich' dann ist das eine recht neutrale Feststellung dass ich mich nicht verantwortlich fuehle. Wenn ich statt dessen hier 'in keinster Weise' verwende will ich das eben verstaerken und gleichzeitig noch Entruestung ausdruecken darueber dass mir jemand die Verantwortung zuschieben will - ich fuehle mich also 'absolut nicht verantwortlich'.

Diese unlogische Verwendung von Sprache ist meiner Ansicht nach eher Feature als Fault (achtung Anglizismen - keine Ahnung was ein guter deutscher Ausdruck fuer feature ist). Sie ermoeglicht einen differenzierten Ausdruck - nachdem ich 'in keiner Weise' und 'in keinster Weise' nicht als aequivalent verwende kann ich auch nicht eines dem anderen vorziehen. Auf welcher Basis das dann 'falsch' sein soll erschliesst sich mir nicht. An mangelnder Verwendung kann's wohl auch nicht liegen - eine google-Suche zeigt dass 20% 'in keinster Weise' gegenueber 80% 'in keiner Weise' stehen - so richtig wenig ist das nicht, in meinen Texten wuerde ich ungefaehr mit dieser Haeufigkeit zu der staerkeren Wendung greifen.

Also, durch diese ganze Beschaeftigung mit Sprachen, seien sie Elbisch oder andere, habe ich ein gesundes Misstrauen gegenueber Leuten entwickelt die mir sagen wollen warum X 'richtig' ist und das andere falsch...

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