Interessantes aus PE22


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Beitrag So Jul 12 2015 14:40

Interessantes aus PE22

- iterativer Aspekt:
Wird von Tolkien 'repetitve' genannt und beschreibt, dass eine Handlung wiederholt ausgeführt wird. Den hat wohl jede Sprache in der einen oder anderen Form, das interessante in Quenya ist, dass er anscheinend weitesgehend produktiv ist (90). Zum Vergleich: Im Deutschen gibt es für eine handvoll Verben den Iterativ auf -eln, wie in "hüsteln" (< "husten"), "tröpfeln" (< "tropfen"), "blinzeln" (< "blinzen"), der aber von den meisten Verben nicht gebildet werden kann.
In Quenya wird dieser Aspekt ikonisch durch Reduplikation gebildet:
tutulla- 'to keep on coming (and going)' (95,100)
kakarra- 'keep on doing' (100), p.t. kakarrane
nenemma- 'keep on (re-)appearing' (100)
kukumba- 'keep on bowing = nod repeatedly' (112)
qeqetta- 'repeat, keep on saying' (112)
fafarra-, hist. papharra- *'keep on hunting' (112)
tithilla- 'twinkle' (112)
ululla-, ololla- 'keep on pouring' (112)
nandakka (112) (NDAK-)
sapsarra- 'keep on rubbing, fray away' (113) (PSAR-)
lilhikke 'sneaks about' (113), anscheinend Fehler für *lihlikke (SLIK-)
sisilla- 'glitter (white)' (113)
tatalla- 'admire, woder at (the excellence of)' (108,110) (TAL- 'appraise, esteem value')

- stative Verben (a-Verben):
Verben, die Zustände ausdrücken, kennen in Quenya keinen Unterschied zwischen Aorist und Präsens. Das wird immer wieder mit dem Englischen verglichen, wo man nicht **'is loving', **'is knowing' bilden kann. Diese Verben kriegen ein kurzes -a- statt -i-, ohne Vokallängung: CE melā 'loves', galā 'grows' (95,134,163), in Quenya also *melan, *melatye, *melas usw.

- inzeptive Aktionsart:
Ich kann mich erinnern, dass vor langer, langer Zeit jemand im alten Forum schrieb, Tolkiens Sprachen seien keine richtigen Sprachen, weil man nicht einmal "Das Essen wird kalt" ausdrücken könne. Jetzt haben wir eine ganze Reihe Möglichkeiten dazu in Quenya:
- das inzeptive -s: ninkwis- '(begin to) grow pale', Aorist/Präsens ninkwisjā (135), damit *I matta ringarya
- das inzeptive -tă: ninkwita- 'grow white, whiten' (157), damit *i matta ringata
- das Hilfsverb ole- (99), ol- (103,113,134) 'become, come into being, turn into (another state)', ursprünglich 'grow' (OL-), welches als a-Verb gelistet wird, also *I matta ola ringa
Daneben gibt es noch:
- das inzeptive -lu, -ru, -nu: koiru 'come to life' (135-136), auf bestimmte phonologische Formen beschränkt

- Ortsnamen:
- Q. Tiristemindon = Minas Tirith (125), offenbar beides aus *tirittē
- Q. Arkimbele = Imladris (125), offenbar aus KIM- 'edge, bring of', kimba 'edge, brink (espec. that of [?cliff ?or] fall in rock or stone' (149), ar- könnte 'beside' sein oder aber 'royal'
- an anderer Stelle: Q. Latimberista = theoretische Form für Imladris, tatsächlich benutzt wurde die adaptierte Imbeláris (127)

- Partizipien in Quenya:
Wir kannten itila, was wie ein Aorist-Partizip aussieht; und hákala, was wie ein Präsens-Partizip aussieht, und nun ist es offiziell: Partizipien können in Quenya frei mit der Zeitform kombiniert werden, so etwa karila 'doing', káriéla *'having done', karuvaila *'who will do' (155).

- morphologische Konditionalform in Altnoldorin:
Altnoldorin agglutiniert ai an Verben: ni tūlaiyeta (98,121) 'I should have done it'. Es ist nicht klar, ob das in Noldorin überlebt (??ni dulaied). Unklar ist mir auch, warum hier tul- 'come' mit Pronomen -ta benutzt wird.

- Fragepartikel in Quenya:
Nun ist es offiziell: In Quenya kann man ma vor Fragen stellen: Ma Varda enquantuva i yulma nin? (160-161). In dem vorher publizierten Material gab es eigentlich keine Anhaltspunkte dafür, trotzdem hat es einen Weg ins Neo-Quenya gefunden. Das war wohl entweder himmlische Eingebung, oder es sind Insiderinformationen durchgesickert.

- Name + Verbendung in Quenya:
Es entsteht die Idee, dass wenn ein Eigenname als Subjekt auftritt, das Verb dennoch eine Personenendung bekommt. Da kriegt man aber Probleme mit man i yulma nin enquantuva in Namárie (161), was enquantuvas sein müsste, da Varda impliziert ist.

- interessante Vokabeln und schöne Metaphern:
Q. manima? 'of what kind?', malka? 'how great?' (124)
Q. nan 'again' (124)
Q. tengwakilme 'orthography' (149), wörtlich "Zeichenwahl"
Q. laista 'ignorance' (153,155), = la-ista
Q. koloite 'capable of bearing, tolerant (of), enduring' (155)
Q. xiéte 'passing, impermanent' (155) (SKEY- 'pass', interessanterweise mit sk- > ks anstatt h-)
Q. yulunefíte 'amphibious' (155), wörtlich "trinkend-atmend"
Q. pekkuvo 'squirrel', wörtlich "Nuss-Verstecker"
Q. rie 'only' (158) (ER-)
Q. mekin 'please' (166), die Etymologie wird nicht angegeben, ist aber offensichtich eine Verbform *"ich bitte" (*MEK-)
Q. ulo 'rain' (167) - unglaublich, aber wahr: hatten wir vorher nicht attestiert
Q. alwara 'useless' (124)
S. gurgof 'traitor' (122), wörtlich "Ratschlag-Verstecker"

- Aussprache, Orthographie:
Auf S. 36 wird erklärt, wie man ng ausspricht:
- am Wortende [ŋ]
- [ŋ] vor Konsonanten: Angband [aŋban], außer [ŋgl], [ŋgr]
- [ŋg] sonst
Auf S. 37 wird gesagt, dass umgelautetes a > e in frühen Dokumenten aus Gondolin in Tengwar vom normalen e unterschieden wurde und man es mit [æ] widergeben kann. Damit könnte man ein bisschen herumspielen und Dinge wie æbœnnin, ærphin, bælain, dængin schreiben. Es ist mir aber nicht klar, ob es sich nur um ein graphisches Element handelt, oder die Aussprache tatsächlich zwischenzeitlich [æ] war.

- Gerund in Sindarin:
Auf S. 163 wird aned 'give' über das Gerund/Verbalnomen zitiert und scheint hier also an- zu sein. Weitere Beispiele komplexer Prädikate sind nidhin mened 'I have a mind to go, I intend to go' (165), tolen cared 'I am coming, drawing near to doing, I am going to do/shall do' (168).
Beim letzteren fällt die Form tolen mit -en auf. In Neo-Sindarin benutzten alle *telin, die historische Form wäre allerdings *tylin, wegen TUL-. Erklärungsideen für tolen: vielleicht ein Präsens statt einem Aorist: *tula-ini > *tolaen > tolen? Oder aber einfach die lange Endung *tulinjē > *tolein > tolen? Oder ist es gar ein Partizip *tulina? Dann fehlt allerdings die Personenendung.

- Futur/Volitiv in Sindarin, atha-:
Auf S. 167 wird die Herkunft des Futurs in Sindarin erklärt: Es handelt sich um das agglutinierte Verb atha- 'be helpful, be willing to assist, in any work etc., agree, consent'. Damit hat es eine volitive Komponente, drückt also eine Absicht aus, und ist somit nicht einfach nur eine Zeitform, sondern eher ein Modus: linnathon 'I will sing, I intend to sing' (167), linnathol? 'will you sing (please)'. Solche Fragen beantwortet man mit athon 'I will'.
Das Futur als reine Zeitform wird mit tol- + Gerund ausgedrückt (siehe oben).
Interessant sind hierbei auch die erwähnten Personenendungen zu atha-, nämlich athof, athab (167). Diese sind vermutlich die exklusive und inklusive 1. Pl., aber die Endungen sind unorthodox: ersteres offenbar aus *-me > -f, zweiteres aus *-kwe > *-p > -b (frühes Qenya hatte me, qe, siehe hier). Da kannten wir bisher nur -nkwe, -ngwe, was zu *-mp, *-mb führen würde. Die Vokale (a vs. o) sind auch komisch.
(Die frühere Erklärung von -tha war etwas simpler, da handelt es sich um ein Adverb 'then, next' (97), ON matithā- 'will eat' > *meditha.)

- Kopula in Sindarin:
Noch ein Kracher zum Schluss: Wir haben die erste Attestierung der Kopula in SIndarin: inn đa v'im 'there is an 'inn' in me = I have a good mind to (do so)' (165). V'im ist klar: #vi im "in mir", aber für đa fehlt mir die Etymologie. Die Zeichenwahl deutet offenbar an, dass es sich um ein leniertes da handelt.
Statt der Kopula könnte es auch ein Demonstrativpronomen 'there' sein, aber die frühere Variante ist inn no v'im, mit ganz klarem no 'is' aus .
Zuletzt geändert von Roman am Mo Jul 20 2015 12:52, insgesamt 4-mal geändert.
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Beitrag Sa Jul 18 2015 12:31

Re: Interessantes aus PE22

Cool! Danke für die vielen + aufbereiteten Infos! :pro:

Roman hat geschrieben:- Kopula in Sindarin:
Noch ein Kracher zum Schluss: Wir haben die erste Attestierung der Kopula in SIndarin: inn đa v'im 'there is an 'inn' in me = I have a good mind to (do so)' (165). V'im ist klar: #vi im "in mir", aber für đa fehlt mir die Etymologie. Die Zeichenwahl deutet offenbar an, dass es sich um ein leniertes da handelt.
Statt der Kopula könnte es auch ein Demonstrativpronomen 'there' sein, aber die frühere Variante ist inn no v'im, mit ganz klarem no 'is' aus .


Hm, oder Tolkien hätte zwischen den beiden Varianten beschlossen, solche Sätze lieber mit đa = *'there (is)' zu bilden... :?
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Beitrag Sa Jul 18 2015 14:31

Hm, oder Tolkien hätte zwischen den beiden Varianten beschlossen, solche Sätze lieber mit đa = *'there (is)' zu bilden...

Das muss man dann wohl schlussfolgern, nachdem die post-30er Kopula zu na- wird und sehr konsequent dabei verbleibt. Die einzig passende Etymologie wäre wohl ADA- 'beside, alongside, by' (PE17:145), was in Sindarin zum Demonstrativpronomen werden könnte.
Theoretisch könnte aber auch eine neue Kopula entstehen, indem ein Verb wie "stehen" grammatikalisiert, und das ist ja sogar ganz ähnlich: S. dar- (LotR), Q. tar- (PE17:71).

Hochinteressant für Sindarin sind auch ein paar Verbkonjugationen:

KJAW-: 'taste, select, choose'
kyawini > kawin(e) > cewin *'I taste'
kjawĭ > caw *'he/she/it tastes'
kjawathāni > cawathon (? cauthon) *'I will taste'
cawo *'taste!'
akjāwē-n > agauwen > agowen *'I tasted'
kjau̯nē > caun *'he/she/it tasted'
(152)
Hier ist eigentlich alles im grünen Bereich, außer dass es nicht *cewithon mit dem Aorist-Stamm ist und dass die Rolle der augmentlosen Vergangenheit caun nicht klar wird (es sieht so aus, als ob die Konjugation hier gemischt ist, in der 3. Person caun anstatt *agaw > *ago). Aber solche Sachen sind ja auch zu erwarten, und es handelt sich ohnehin um Notizen.

niðin, p.t. eniðen *'I meant to, I intended to' (165) (NID-)
Hier hätte man *inidhen erwartet. Ich vermute ja irgendwie, dass es einfach nur ein Schusselfehler ist, weil im Griechischen das Augment beim Aorist immer e- ist. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass eine analogische Bildung ungleiche Vokale bevorzugt, also:
- e-i, aus Verben mit Stammvokal -e- (z.B. MEN-, *evin), übertragen auf -i- (z.B. NID-, enidh)
- o-u, aus Verben mit Stammvokal -o- (z.B. NOR-, *onur), übertragen auf -u- (also TUL-, *odul?)
- a-o, Stammvokal -a- (z.B. KJAW-, agowen)
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Beitrag So Jul 19 2015 22:33

Vielen Dank! Das ist wirklich interessant! :pro:
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Beitrag Mo Jul 20 2015 12:39

Re: Interessantes aus PE22

Roman hat geschrieben:Auf S. 37 wird gesagt, dass umgelautetes a > e in frühen Dokumenten aus Gondolin in Tengwar vom normalen e unterschieden wurde und man es mit [æ] widergeben kann. Damit könnte man ein bisschen herumspielen und Dinge wie æbœnnin, ærphin, bælain, dængin schreiben. Es ist mir aber nicht klar, ob es sich nur um ein graphisches Element handelt, oder die Aussprache tatsächlich zwischenzeitlich [æ] war.

Mit [æ] ist die Aussprache bezeichnet. Einmal ganz abgesehen davon, dass die Schreibung die Lautung widergibt (ausser wenigen explizit besprochenen Fällen, wo ein durch Mutation verschwundener oder vermeintlich verschwundener Laut geschrieben wird): In der Tabelle auf der nächsten Seite (S. 38‌) ist [æ] unter der Spalte Phon value. aufgeführt. Der Laut scheint ausserdem immer kurz zu sein – wie es die frühere Fassung der Tabelle in der Fussnote mit der Schreibung [æ̆] explizit macht (die Verwerfung der früheren Fassung erfolgte aus einem anderen Grund).

PS: Wenn wir gerade bei Sindarin sind: Die lange gehegte Vermutung, archaisches [œ] würde mit Esse nuquerna geschrieben (in Analogie zu Silme nuquerna für [y]), ist höchstwahrscheinlich falsch. Die Schreibung erfolgt stattdessen mit einem Haken an Anna. Die bevorzugte archaische Schreibung ist jedoch mit zwei Punkten oberhalb (oder einem) – und [y] wird dann in der gleichen Art und Weise geschrieben:

  Code:
Archaische Schreibung von [y] und [œ]:
[y]:  () oder 
[œ]:  () oder 

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